Erbstreit bei Aldi

Der Streit der Aldi-Erben dreht sich um ein riesiges Vermögen, um Macht und Wut. An diesem schillernden Beispiel zeigt sich: Die perfekte Lösung,um Erbstreitigkeiten zu vermeiden, ist eine Utopie.

Auf die handelnden Personen kommt es an

Die Brüder Karl Albrecht (1922 – 2014) und Theo Albrecht (1924 – 2010) hatten sich mit ihren Anwälten beraten wie sie Familienfrieden und Unternehmenserfolg über ihren Tod hinaus sichern können. Sie wählten dieselbe Lösung und brachten die Firmenanteile in Familienstiftungen ein.Theo Albrecht für Aldi Nord, Karl Albrecht für Aldi Süd.

Familienstiftungen haben den Vorteil, dass die Firma zwar nicht mehr der Familie gehört, ihr aber der Gewinn zusteht. Es wird in die eigene Tasche gestiftet. Die Stiftungen leisten zusätzlich alle 30 Jahre eine Erb-Ersatzsteuer. Alle Albrecht-Stiftungen – drei für Aldi Nord, eine für Aldi Süd -, haben schon einmal an den Fiskus überwiesen.

Ein Stiftungsmodell – zwei Welten.

Bei Aldi Süd funktioniert der Übergang von Geld und Einfluss auf die nächste Generation wie vom Stifter weitsichtig geplant. Die Erben agieren voller Harmonie; womöglich weil Stammhalter Dr. jur. Karl Albrecht (geb. 1947)  kinderlos ist und die sechs Kinder seiner Schwester Beate Heister (geb. 1951)  ihre eigenen Wege gesucht – und gefunden haben.

Bei Aldi-Nord endete die Harmonie 1985. Berthold Albrecht, der jüngere Sohn von Patriarch Theo, heiratete auf Schloß Hugenpoet in Essen-Kettwig die lebenslustige Rheinländerin Babette Schönbohm.

Die Schwiegertochter mokierte sich über die strenge Familienetikette. Sie kokettierte mit ihrem Reichtum, kleidete sich offenherzig und nahm so wenig Rücksicht wie möglich auf das Understatement der Verwandtschaft. Die streng katholische Schwiegermutter Cäcilia (Cilli) und Schwager Theodor beteten, diese Geisel möge aus ihrer diskreten Familie wieder verschwinden.

Das Gegenteil trat ein. Im November 2012 starb Berthold Albrecht mit 58 Jahren an einem Lungenleiden. Es wird gemunkelt, es war der Alkohol. Ende November eröffnete Anwalt Emil Huber, seit Jahrzehnten Berater und Vertrauter der Familie, das handschriftliche Testament. Die reiche Witwe und ihre Kinder waren anwesend. Sie verließ als noch reichere Frau den Raum. Babette Albrecht erhielt als Vermächtnisnehmerin die Guthaben auf den privaten Konten, mehrere selbst genutzte Immobilien inklusive Inventar, die Kunstwerke und die Oldtimersammlung. Die fünf Nachkommen bekamen den Rest des Privatvermögens.

Die lustige Witwe

Nach dem Tod ihres Mannes beschloss Babette, so zu leben wie es ihr gefällt. Das Ungezogene einfach tun – nichts machte und macht ihr mehr Spaß.

Sie war süchtig nach Aufmerksamkeit, plauderte mit den Redakteurinnen von Gala oder der Bunten. Und sie genoss ihre Auftritte im Gerichtssaal. Der Prozess der Witwe Babette gegen den Kunsthändler Helge Achenbach, der sie um 19 Millionen geprellt hatte, ist allen Zeitschriftenlesern in Erinnerung. Dieses Verfahren war ein Glühwürmchen gegen das Scheinwerferlicht, in das die Medien zur Freude von Babette ihre Erbauseinandersetzung tauchen.

Inzwischen herrscht Krieg zwischen den Familienstämmen. Auf der einen Seite Witwe Babette (59) mit ihren fünf Kindern und Anwalt Andreas Urban. Auf der anderen Seite der Bruder ihres verstorbenen Mannes, Theo Albrecht junior (geb. 1950) sowie Anwalt Huber. Die Schwiegermutter, die größte Kritikerin von Babette, starb im November 2018.

Filmreif

Im Fokus der Auseinandersetzung steht die Jakobusstiftung. Ihre Destinäre sind die Nachkommen von Berthold Albrecht. Nach Angaben des manager magazins zahlte die Stiftung seit seinem Tod rund 75 Millionen Euro in drei Tranchen an Bertholds Erben aus, davon 45 Millionen Euro für die jungen Leute. Jedes Kind erhält, so berichtet das Magazin, ein monatliches Taschengeld von 7500 Euro. Babette seit 2012 eine testamentarisch festgelegte Apanage von jährlich einer Million Euro.

Die Stiftung ist mehr als eine Geldauszahlungsmaschine, sie ist eine Managementplattform für Aldi Nord. Die Vorstände der drei Stiftungen (Lukas-, Markus- und Jacobusstiftung) müssen wichtige Geschäftsentscheidungen einstimmig treffen. Hier eskaliert der Streit.

Als hätte sich ein Drehbuchautor diesen Erbstreit ausgedacht, sorgt eine Änderung des Testaments auf dem Krankenbett des siechen Kaufmanns für die dramatische Note. Sie fiel zu Ungunsten von Babette und ihren Kindern bei der Besetzung der Vorstandsposten der Jacobusstiftung aus. Diese Änderung hat die Witwe vor Gericht angefochten. Ihr Mann wäre bei der Testamentsänderung nicht mehr geschäftsfähig gewesen. Eine andere filmreife Szene: Berthold Albrecht lag schwer krank in Bad Ragaz in der Schweiz. Zeitgleich wurde in Essen-Bredeney, in Bertholds heimatlicher Villa, der Tresor aufgebrochen, um wichtige Dokumente nach Bad Ragaz zu bringen und dort den Inhalt zugunsten seines Bruders Theo zu verändern.

Diese Auseinandersetzung haben Babette und ihre Kinder vor Gericht inzwischen verloren.

Im Februar wurde das Testament von Cäcilie Albrecht eröffnet. Auch darin werden die Kinder von Babette von Führungspositionen im Aldi-Reich ausgeschlossen.

Out of Testamentsvollstreckung

Babette und ihrem geschicktern Anwalt Urban ist dafür ein anderer wichtiger Coup gelungen. Sie haben die beiden Testamentsvollstrecker Marc Heußinger, bis vor wenigen Monaten Aldi-Nord Chef, und Anwalt Huber weggebissen. Beide Herren verzichteten am Ende freiwillig auf ihr lukratives Amt. Die Testamentsvollstreckung war von Berthold für den Zeitraum bis 2030 angesetzt worden. Dann hat die jüngste Tochter das 38. Lebensjahr vollendet.

Erblasser Albrecht hatte im Testament keine Ersatzpersonen vorgesehen. Also stimmte das Nachlassgericht zu, die Testamentsvollstreckung zu streichen. Ein Triumph! Die Bevormundung ist gelöscht.

Das ist eine wichtige Lehre aus dem Fall Aldi Nord. Wer sich für die Testamentsvollstreckung entscheidet, sollte in seinem Letzten Willen eine Ersatzperson schriftlich festlegen.

Wohin des Weges ?

Die Anwältin und Testamentsvollstreckerin Marlene Dornier-Tiefenthaler hat die Erfahrung gemacht, dass ein erbitterter Streit in Unternehmerfamilien sehr häufig eines Tages mit einer Lösung endet. Der Krämergeist ist stärker als der Hass.

Erster Akt: Schwager Theo junior bot seiner Schwägerin an, ihre Anteile an Aldi-Nord zu kaufen. Zweiter Akt: Babette Albrecht weist das Angebot als empörend niedrig zurück. Sie konterte, vielleicht wolle ihr Schwager zu diesen miesen Konditionen seine Anteile an sie verkaufen und seinerseits aussteigen. Dritter Akt: Theo Junior verhandelt hinter den Kulissen mit der Verwandtschaft von Aldi Süd über Kooperationen, aus denen mehr werden könnte. Aldi Süd ist der deutlich teurere Teil des Aldi-Reichs mit gepflegteren Geschäften in Deutschland, der florierenden Kette Hofer in Österreich, Aldi Suisse, Aldi Australien, Aldi USA. Theo hat es eilig. Er hat doppeltes Stimmrecht, aber nur bis zu seinem 70. Lebensjahr. Will er es einsetzen, bleiben ihm knapp zwei Jahre. Wenn es ein guter Deal mit Aldi Süd würde, könnten Babette und ihre Kinder schwach werden und verkaufen oder ihre Anteile einbringen.

Der Blog wird berichten, sobald es neue Entwicklungen im Hause  Aldi gibt.

 

 

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